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"Die Rheinpfalz" vom 16.06.2004

Vögel im Viehstrich und im Bienwald

Wenn die Amsel singt, kriegt das A einen Kreis

STEINFELD/SCHEIBENHARDT:
Tobias Wirsing kartiert für Zoologisches Institut der Universität Karlsruhe Brutvögel im Bienwald 

„Am lautesten ist das Zwitscher-Konzert eine Stunde vor Sonnenaufgang bis etwa eine Stunde danach", sagt der angehende Ornithologe Tobias Wirsing, der zur Zeit im Auftrag des Zoologischen Instituts der Uni Karlsruhe im Bienwald Brutvögel kartiert.
Genauer gesagt vergleicht er verschiedene Brutvogelkartiermethoden im Rahmen eines Bienwald- und Viehstrich-Projektes, an dem noch drei weitere Studierende beteiligt sind und das er in Zusammenarbeit mit dem Storchenverein Steinfeld betreut und koordiniert. Seine Untersuchungen in dem Eldorado der Artenvielfalt nördlich von Scheibenhardt, gehen vor allem „übers Gehör".


Das Fernglas ist neben Stift und Kartierblättern das wichtigste Arbeitsutensil von
Tobias Wirsing, der zur Zeit in Zusammenarbeit mit dem Steinfelder Storchenverein
und im Auftrag des Zoologischen Instituts der Universität Karlsruhe ein Verzeichnis
der Brutvögel im Bienwald erstellt.
                                                     (Foto: Hirsch.)

Wenig nur braucht der Vogelkundler, wenn er im nördlichen Bienwaldrand dreimal die Woche auf Streifzug geht: Fernglas, Stift und Kartierblätter. Ein A zum Beispiel steht da für Amsel in seinem Signatursystem, hat sie gesungen, so kriegt das Zeichen einen Kreis. Lässt sich eine Vogelart über einen bestimmten Zeitraum hinweg dreimal oder öfter am selben Ort ausmachen, so ist das ein Indiz fürs Brüten. Sehr genau kann der Student der Geoökologie, der im Auftrag von Professor Dr. Horst Taraschewski vom Zoologischen Institut der Uni Karlsruhe forscht, jede einzelne Vogelstimme auch beim kräftigsten Frühkonzert zuordnen. „Und da kann es manchmal sehr laut werden", ist seine Erfahrung.

Der 25-jährige gebürtige Unterfranke Tobias Wirsing, der auch Experte in der Vogelwelt des Altmühltals ist, arbeitet seit seinem Studium in Karlsruhe eng mit dem Storchenverein Steinfeld zusammen, dessen Vorsitzender Taraschewski ist. An den von Wirsing koordinierten Vogelkartierungen am nördlichen Bienwaldrand in dem dort angelegten Biotop- und Landschaftsschutzgebiet, in dem innerhalb von zehn Jahren gut 30 Amphibienteiche entstanden, beteiligen sich noch Janina Pohl, Tanja Bayer und Till Loeper. Deren Bereich ist das Viehstrichgebiet am nordwestlichen Bienwaldrand, südlich der Gemeinden Steinfeld und Kapsweyer. Die beiden Kommilitoninnen kartieren schwerpunktmäßig Neuntöter und Raubwürger, Schwarz- und Braunkehlchen im Viehstrichbereich sowie die dortigen Landschaftselemente am Beispiel von Hecken. Brachen und Schilfbeständen. Sein Kollege Loeper erfasst die Brutvögel des "Sechs-Teiche-Grundstücks" des Storchenvereins nach der Revierkartierungsmethode.

Herauszufinden, welche Methodik beim Brutvogelkarteien die ökonomischste und am besten geeignete ist. ist Hauptaufgabe von Wirsing. Gut hundert Vogelarten gibt es im Viehstrichgebiet. Dichte Bestände bilden zum Beispiel Schwarzkehlchen, Neuntöter und Grauammer, erklärt er beim Rundgang, der auch an Teiche und zu Trockenbiotopen führt. Eines der Areale, ein Insektenbiotop am Wasserwerk Kapsweyer habe sogar bundesweite Bedeutung wegen der hier vorkommenden seltenen Arten. Direkt nebeneinander und im steten Wechsel lösen sich am nördlichen Bienwaldrand Brachen, extensive Weidewirtschaft, Schilfbestände, Teiche, Waldstrukturen und Ackerraine ab. „Hier gibt es eine Vielfalt von Landschaftsstrukturen auf kleinstem Raum", erklärt Wirsing, „und das ist für die große Zahl verschiedener Arten sehr wichtig". Dabei würden die Vögel eine relativ einfach zu untersuchende Tiergruppe darstellen, stünden aber stellvertretend für Hunderte anderer Tier- und Pflanzenarten. die in dem intakten Schutzgebiet vorkämen, hieß es. „Durch die Existenz bestimmter Vogelarten", so der Kartierer, „wird die Funktionstüchtigkeit dieser Lebensräume belegt". Dabei weist er auf beispielhafte Rote Liste-Arten im und am Bienwald hin, wie etwa Baumpieper, Grauspecht, Mittelspecht und auf den exotischen Pirol, der erst Mitte Mai aus seinem Überwinterungsgebiet zurückkehrt.

Zu den ebenfalls beispielhaften über 25 Rote-Liste-Arten des Viehstrichs gehören etwa Rebhuhn, Braunkehlchen, Weißstorch, Feldlerche, Kuckuck, Eisvogel, Grünspecht und Bekassine. Der Fachmann erwähnt im Gespräch noch den Vogel des Jahres, den Zaunkönig, der sich in Untergehölzen und Altholzinseln aufhält, den Feldschwirl, dessen heu- schreckenartiger Gesang je nach Kopfstellung an und abschwillt sowie die Kanadagans. Diese aus Nord-Amerika stammende Gans kommt heute an vielen Stellen in Europa vor und brütet auch südlich von Steinfeld auf Inseln in den dortigen fischerei-genutzten Gewässern.

Für die Wiesenbrüter unter den Vögeln, wie die im Viehstrich vorkommenden Schwarzkehlchen, Feldlerchen und Wachtelkönige - ein ganz besonders seltener Brutvogel - seien eine kooperationsbereite Landwirtschaft und vertraglich geregelte Naturschutzprogramme wichtig, erklärt der „Ornitomane", wie er von seinem Professor scherzhaft genannt wird. Die erst Mahd im Jahr dürfe es eigentlich nicht vor Mitte Juli geben, informiert er, weil sonst Gelege und Jungvögel ausgemäht würden.

Beim morgendlichen Streifzug an Fronleichnam durch Wald und Wiesen, vorbei an Teichen und Trockenbiotopen bietet die Idylle Labsal für Augen und Ohren. Da erhebt sich in der Ferne ein Eisvogel und fliegen gemächlich einige Graureiher umher, da starten und landen Kormorane und Kiebitze.

Auf einem der Teiche schwimmen königlich zwei Schwäne, Blesshühner führen ihren reichlichen Nachwuchs aus, in den Brachen mit vorjährigen Stauden lassen sich Braunkehlchen auf ihrer Sitzwarte beobachten, hört man den Kuckuck rufen, die Grillen zirpen,... (hima)

Weitere Infos auch unter
http://www.rz.uni-karlsruhe.de/~dc134/index.html


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