Virtueller Spaziergang

Verläßt man das Dorf Steinfeld in Richtung Freibad, so läßt sich mit einer gewissen Garantie das typische in der Luft vorgetragene Lied der Feldlerche vernehmen. Die stillgelegten Ackerflächen scheinen den Vögeln als Brutbiotop zu dienen. Bevor wir am Bienwaldrand rechts abbiegen, veranlaßt uns der sehr ansprechende Gesang eines häufigen Vogels des Viehstrichs zum Stehenbleiben. Die Stimme des Sumpfrohrsängers wird von Herrn Gerhard Postel, Umweltpfarrer der Pfalz (Tel. 06344/6832, abends 6397), bei seinen Vogelstimmenwanderungen sehr treffend als leicht "rauchig-kratzig" bezeichnet. In Steinfeld ortete er den Sänger gleich am Anfang seiner Exkursion in einem kleinen Hochstaudengebüsch in der Nähe des "Schwanenweihers".

Erreicht man nun in Richtung Westen den angelsportlich genutzten Panzergraben (rechts) und das Franzosenloch (links), so dauert es nicht lange, bis das "Dütü-Türü" des Pirols zu hören ist. Die Art gilt in Europa als in geringer Dichte verbreiteter Brutvogel des Tieflandes. Am und im Bienwald mußte er - scheinbar anders als in anderen Regionen - keine Bestandseinbrüche hinnehmen. Zahlen darüber liegen aber nicht vor. Den Pirol zählt man in Mitteleuropa zu den "Tertiärrelikten" wie auch den Eisvogel oder den Laubfrosch. Die näheren Verwandten dieser Tiere kommen alle in den Tropen und Subtropen vor, wo sie auch heutzutage noch die Klimaverhältnisse des Tertiärs vorfinden. Es verwundert somit nicht, daß die Stimme des Pirols immer ein bißchen wie im Tropenhaus eines Zoos oder Vogelparks klingt. Besucher aus Karlsruhe konnten beobachten, wie ein Pirolpaar viel Zeit damit zubrachte, sich nach jeder Fütterung der Jungen immer wieder von einer Pappel am Franzosenloch herunter zu stürzen und sich kurz über der Wasseroberfläche abzufangen, um dort Insekten (vermutlich Köcherfliegen oder Eintagsfliegen) zu jagen.



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Pirol, männl., am 'Hängematten'-Nest bei der Fütterung der Jungen (Foto: Gerd Döppenschmitt)

Hundert Meter weiter passieren wir eine Kätzweiden-Birken-Vorwald–Gesellschaft, wo man alljährlich das monotone "Surren" der Turteltauben hört. Diese Art bevorzugt die trockenwarmen Gebiete der Tiefebene und Flußniederungen. Sie wird europaweit als "declining" (abnehmend) eingestuft. Schutzmaßnahmen sollten die Renaturierung und den Erhalt einer heckenreichen, extensiv genutzten Kulturlandschaft und die Widervernässung trockengelegter Standorte umfassen. Geht man weiter, erscheint auf der rechten Seite der östliche der beiden "Campingweiher" zwischen denen sich früher ein Campingplatz erstreckte. Jetzt betreut der Storchenverein dort ein Insektenbiotop (-> Biotope). An diesen Fischgewässern lassen sich zu allen Jahreszeiten Eisvögel beobachten. Da es aber scheinbar keine Steilwände zum Graben von Brutröhren gibt, hat der Verein dort im Herbst/Winter 2001/2001 eine 5 m breite, 1 m hohe Lehmwand errichtet. Vor fünf Jahren fand am östlichen Campingweiher die erfolgreiche Einzelbrut eines Graureiherpaars auf einer über das Wasser gebogenen Erle statt. Seither gibt es aber keine Hinweise auf Reiherbruten im betreffenden Gebiet.



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Eisvogel


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Turteltaube

Nach dem überqueren der Asphaltstraße Steinfeld - Bienwaldmühle wird der Rundgang auf einem 50 m nach Norden versetzten Parallelweg fortgesetzt. Die Gebäude der Gärtnerei Waldhof liegen links. Wir betreten hier die Gemarkung Kapsweyer. Dieser wie auch der zu Schweighofen gehörende Teil des Wiesentals ist Naturschutzgebiet, was sich auch im Erscheinungsbild der offenen Agrarlandschaft widerspiegelt. Ob es die mit dem NSG-Status verbundenen Auflagen sind, die den gärtnerisch genutzten Flächen ein sympathisches Maß an "Unordnung" verleihen, bleibt dahingestellt. Man hört hier jedenfalls die kurzen Strophen der Goldammer , Kiebitze flattern auf und ab und Neuntöter sitzen auf ihren Warten. Diese als "gefährdet" klassifizierte Vogelart kann im Viehstrich noch häufig beobachtet werden, am besten per Fernglas, da sie eine große Fluchtdistanz zeigt und auch auf Störungen im Bruthabitat empfindlich reagiert. Der Viehstrich liegt aber bisher unter keinem hohen Erwartungsdruck, und auch die Förderung eines sanften Ökotourismus" durch den Storchenverein sollte nicht so verstanden werden, als ob Spaziergängerströme auf die hier beschriebene Wege gelenkt werden sollten. - Am Bienwaldrand scheint dieser Würger von der stellenweise verbuschten, offenen Landschaft in thermisch günstiger Lage zu profitieren.


 Bild: Kiebitz auf einem Erbsenfeld. (Foto: Gerd Döppenschmitt)

Auf der linken Seite erreicht man nach einiger Zeit ein vom Storchenverein angelegtes Gewässer mit umgebender Wiese. Auf der Kiesinsel in der Teichmitte können regelmäßig Flußregenpfeifer beobachtet werden, die man allerdings oft erst beim Auffliegen entdeckt. Eine der Gefährdungsursachen dieser Rote-Liste-Art liegt in den Störungen an den Brutplätzen durch Freizeitnutzung, wodurch der Bruterfolg beeinträchtigt wird. Menschliche Besucher kommen am besagten Teich zwar meist nur selten vorbei, aber auch die wenigen sollten die Insel im Teich keinesfalls betreten, und die Aufenthalte am Gewässer während der Brutsaison müssen so kurz wie möglich gehalten werden. Die Stimme des Vogels erinnert übrigens an die Rufe von wattbewohnenden Meeresvögeln und weckt Erinnerungen an Urlaube am Meer.


 Bild: Flußregenpfeifer

An diesen und an benachbarten Teichen lebt noch ein anderer Vogel der Roten Liste mit ähnlichen Lebensraumansprüchen, der Flußuferläufer . Bauch und Bürzel dieses Schnepfenvogels stehen in starkem Kontrast zum dunkel gefärbten Rücken. Aufgrund ihrer Heimlichkeit ist diese Art in ihren Bestandsdichten unzureichend dokumentiert. Schutzmaßnahmen bestehen in der Öffnung und Offenhaltung von Kiesflächen (was früher entlang der unkanalisierte Fließgewässer durch Flußbettverlagerungen ohne menschliches Zutun erfolgte) und in der Abwehr von Störungen durch intensive Freizeitnutzung an den Brutgewässern. Während des Sommers drehen die dynamischen Flieger am Bienwaldrand vorwiegend paarweise ihre Runden. Verläßliche Hinweise auf Bruterfolge existieren aber nicht.

Bleibt man auf dem beschriebenen Feldweg, überquert man im weiteren die Asphaltstraße zwischen der Gemeinde Kapsweyer und deren Sportplatz am Waldrand und betritt anschließend eine Wiesenlandschaft mit sumpfigen Gräben, Seggen und Schilfflächen, Kätzweidenhecken und einzeln stehenden Bäumen, die als Refugium von Rote-Liste-Vogelarten bundesweite Bedeutung besitzt. Die charakteristischen Rufe des Wachtelkönigs, einer der wenigen global bedrohten Vogelarten, wurden hier vernommen und aufgezeichnet (Einzelheiten dazu weiß Herr Alfons Frey aus Kapsweyer zu berichten, Tel. 06340/1409). Für das Jahr 2001 liegt sogar ein Brutnachweis für eine andere Vogelart vor, die in den Roten Listen Mitteleuropas als "stark gefährdet" bis "ausgestorben" geführt wird. Es handelt sich um den Raubwürger (Lanitus excubitor) . Herr Bernd Kirsthaler aus Schweighofen (Tel. 06342/7366) konnte die während der Fütterung durch die Eltern laut schreienden Jungvögel nach ihrem Ausfliegen tagelang beobachten. Diese größte Würgerart hat einen hohen Arealbedarf; zur Brutzeit 25-100 ha, im Winter mindestens 50 ha pro Individuum, wodurch sich die in der Liste von Rolf Wambsganß angegebene Bestandsdichte von 1-2 Paaren im Viehstrich erklären läßt. Die Ausräumung der Agrarlandschaft, der Verlust an Feuchtgebieten und die Fragmentierung geeigneter Bruthabitate gelten als Hauptursache für die in Mitteleuropa nur noch extrem lückige, inselartige Verbreitung des Raubwürgers (-> Naturschutzkonzept des Vereins).


 Bild: Raubwürger (Quelle: Gerd Döppenschmitt)

Wir bleiben auf dem Feldweg, biegen am Bahnhof in Richtung Schweighofen nach rechts (Norden) und hinter der Bahnlinie erneut nach rechts (Osten), so daß wir die besonders schützenswerte Landschaft südlich von Schweighofen noch eine Weile auf uns einwirken lassen. Das Wiesental ist hier auch von Ödland-Streifen und Feldern durchsetzt und entspricht damit den Biotopansprüchen der Grauammer. Der kurzstrophige Gesang des Rote-Liste-Vogels vermittelt laut Umweltpfarrer Gerhard Postel ein Ambiente des "High Noon" wie wenn in der Mittagshitze alle Geschäfte zum Ruhen kommen. Die unscheinbare Ammer hat dem menschlichen Auge wenig zu bieten (wie der im gleichen Gebiet vertretene "gefährdete" Wiesenpieper), unterstreicht aber durch ihr Vorkommen den hohen ökologischen Wert der reich strukturierten Landschaft südlich von Schweighofen.

Auf dem weiteren Rückweg in Richtung Osten überqueren wir am Bahnhof Kapsweyer erneut die Bahnlinie und gelangen an die südlich daran angrenzenden Amphibienteiche dieser Gemeinde. Auf der Insel im östlichsten, größten der drei Teiche sollen laut Alfons Frey Flußregenpfeifer erfolgreich gebrütet haben. Der Weg führt nun bis nach Steinfeld an der von Kätzweiden gesäumten Bahnlinie entlang, wo der Gesang von Sumpfrohrsängern und verschiedenen Grasmückenarten zu hören ist. Man sollte hier nun auf Zaunpfosten oder auf Kätzweiden ansitzende Schwarzkehlchen entdecken. Dieser Rote-Liste-Vogel bildet im Viehstrich in allen tiefgelegenen Bereichen mit hohem Wiesenanteil dichte Populationen. In Rapsfeldern nutzen sie die höchsten Blüten oder Fruchtstände als Ausguck; und man sieht sie dann auf der Jagd nach Insekten über den Blüten "rütteln". Herr Münderle aus Karlsruhe staunte bei seinen Begehungen (siehe Liste) darüber, am Bienwaldrand so viele Schwarzkehlchen vorzufinden; für das Fehlen des Braunkehlchen, das in Baden Württenberg fast ausschließlich nur noch in höheren Lagen vorkommt, macht er die zu frühe Wiesennutzung (vorverlegteHeuernte im Juni und die Grünfuttermahd durch Silagetechnik im Mai) verantwortlich. In der Liste von Rolf Wambsganß; wird das Braunkehlchen aber als Brutvogel der Bruchbach-Otterbach-Niederung (Tiefland des Viehstrichs im erweiterten Sinne) aufgeführt.

Der virtuelle Rundgang endet am Bahnhof Steinfeld, wo die blaue Uhr mit den gelben Sternen daran erinnert, daß man sich nach ein paar Minuten Zugfahrt im Elsass befindet. Vom Bahnhof aus ist das Storchennest auf der Wiesentalhalle sichtbar. Der Weißstorch gehört in allen mitteleuropäischen Ländern (Ausnahme Polen) zu den Rote-Liste-Vogelarten, auch wenn er seinen Tiefpunkt offenbar überschritten hat.

Natürlich kann auch ein Spaziergang durch den Viehstrich in der Abenddämmerung empfohlen werden, im Frühling und Frühsommer wegen den Rufen der Amphibien und im Hoch. bzw. Spätsommer wegen dem gleichermaßen reizvollen Konzert der Insekten. Dies wird unter den jeweiligen Artenlisten beschrieben. In Sachen nächtliche Vogelstimme denkt man zwangsläufig an Nachtigallen, die es natürlich auch am Bienwaldrand gibt. Das besondere Erlebnis besteht aber darin, im Bienwald den sehr lauten, schnarrenden "Gesang" des Ziegenmelkers zu hören. Mit ein bißchen Glück kann man auch das mit lautem Flügelklatschen verbundene Balzspiel beobachten, speziell wenn es einem gelingt, den Revierförster Klaus-Peter Suska (Im Ziegelfeld 21, 76744 Wörth-Schaidt, Tel. 06340/8830) für eine abendliche Pirsch zu gewinnen. An dem vom Storchenverein betreuten Sandbuckel (->Biotope) am Wasserwerk Kapsweyer stehen die Chancen gut, die perfekt getarnten Vögel zumindest zu hören. Dieser in Europa einzige Vertreter der Ordnung des Schwalmvögel geriet auf die Rote Liste, weil geeignete Brutbiotope wie lichte, extensiv bewirtschaftete Kiefernwäder mit vegetationsarmen Wärmeinseln kontinuierlich verloren gingen. Auch der Rückgang der Großinsekten durch die Intensivierung der Landnutzung und durch den Mangel an Alt- und Totholz in den als Brutrevieren geeigneten Wäldern werden als Gefährdungsursachen angesehen. Die wirkliche Populationsdichte des versteckt lebenden Ziegenmelkers sollte im Bienwald unbedingt einmal kartiert werden!



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Ein Ziegenmelker hält in der Dämmerung Ausschau nach Insekten. (Foto: Herbert Magin)

Falls der hier präsentierte Beitrag bei Vogelkundlern und interessierten Laien Bereitschaft zu weiteren Untersuchungen und Beobachtungen geweckt haben sollte, so würde uns das sehr freuen.



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Neuntöter
(Foto: Peter Braun)

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Sumpfrohrsänger
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